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Bericht vom Berlin Marathon
am 24.9.2006 von Michael Back

Haile Gebrselassie verpasst knapp den Weltrekord. Bester Deutscher wird ein Hobbyläufer. Das Thermometer zeigte mittags 26 Grad in der Hauptstadt. 40.000 Läufer waren dabei!

Autor: Michael Back

E-Mail - an Michael

Berlin Marathon 2006

Das Brandenburger Tor kurz vor dem Ziel beim Berlin Marathon 2006

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Im Mittelpunkt steht der Mensch – Berlin Marathon 2006

Haile Gebrselassie verpasst knapp den Weltrekord. Bester Deutscher wird ein Hobbyläufer. Das Thermometer zeigte mittags 26 Grad in der Hauptstadt. 40.000 Läufer waren dabei!

Es war mit Sicherheit ein bewegendes Ereignis für jeden Teilnehmer, dieser Berlin Marathon 2006. Einen großen Beitrag leisteten dabei vor allem die Zuschauer. An dieser Stelle möchte ich mich für die großartige Unterstützung, die nicht hätte besser sein können, bedanken.

Doch was treibt einen fast mittellosen, armen, Studenten aus Unterfranken dazu, fast 500 km Autofahrt und 65 Euro Anmeldegebühren (inklusive T-Shirt) auf sich zu nehmen um hier dabei zu sein? Ganz einfach. 1. Die Idee wurde in weinseliger Stimmung geboren, 2. man bezahlte mir die Startgebühren und 3. wenn nicht heute, wann denn dann?

Der Berliner Verein Mittelpunkt Mensch e.V. ist gemeinnützig. Die Mitglieder dieses Vereins vermitteln Wissen, v. a. im Bereich der Neuen Medien. Sie fördern Kunst und Kultur durch die Veranstaltung von Ausstellungen, Konzerten, Lesungen und Theater. Und sie fördern die Akzeptanz, Gesundheit, Gleichstellung und gerechte Teilhabe von benachteiligten Menschen. Dieser Aspekt wird v. a. durch die Veranstaltung von integrierenden Sportkursen für gesunde und benachteiligte Menschen verwirklicht. Ich bekam also die Gelegenheit an einem der schönsten Marathons der Welt teilnehmen zu dürfen und diente dabei sogar noch einem guten Zweck!

Entsprechend groß war also meine Vorfreude. Am Freitagmittag traten wir, meine Freundin und ich, die Reise in die Hauptstadt an. Nach einigen Staus kamen wir nach sechs Stunden in Berlin bei meinem Cousin an. Bei ihm hatten wir Schlafmöglichkeiten auf dem Boden und Vollverpflegung „gebucht“. Wir verbrachten zwei wunderschöne Abende und einen wunderbaren Spätsommertag in Berlin bevor uns am Sonntagmorgen um sechs Uhr der Wecker aus dem Schlaf riss. Ich war sofort hellwach und in bester Laune. Um halb acht saßen wir im Zug zum Berliner Hauptbahnhof. Von dort waren es noch 10 Minuten zu Fuß zum Start-/Zielbereich. Schon im Zug sahen wir unzählige Teilnehmer, kaum waren wir ausgestiegen begegneten uns noch viele weitere Laufbegeisterte. Vor dem Eintritt in den Start-/Zielbereich verabschiedete ich mich von meinem Cousin und meiner Freundin und wir verabredeten uns für Kilometer 10.

Berlin Marathon 2006

Vor dem Eingang zum Start-/ Ziel Bereich

Berlin Marathon 2006

Mein Cousin und meine Freundin, mit denen ich mich während des Laufes immer wieder getroffen habe, vor dem Bundeskanzleramt

Berlin Marathon 2006

Vor dem Start in bester Laune (ich habe mich noch nie in meinem Leben so fit gefühlt wie an diesem Tag)

Es war noch empfindlich kalt so früh am morgen, der Wetterbericht hatte aber warmes Wetter vorausgesagt. Ich reihte mich in den Block H, den hintersten, ein weil ich bei meiner Anmeldung im Februar noch keinen gelaufenen Marathon vorzuweisen hatte. Es war eine Gänsehaut Atmosphäre als sich 40.000 (!) Läufer warm klatschten. Einfach unbeschreiblich. Um 9 Uhr startete der erste Block. Im Abstand von zwei Minuten zogen dann die einzelnen Blöcke nach. Es dauerte über eine viertel Stunde bis ich über die Startlinie lief.

Berlin Marathon 2006

Die Massageliegen im Start-/ Zielbereich vor dem Start

Berlin Marathon 2006

Im Startblock H kurz vor dem Startschuss

Berlin Marathon 2006

Es geht los!

Unter dem Applaus der Zuschauer legte ich die ersten Meter zurück. Erster markanter Punkt ist die Siegessäule. Errichtet anlässlich der Siege im Deutsch-Dänischen-Krieg ist sie für uns Läufer so etwas wie ein Symbol für den Sieg über unseren inneren Schweinehund und die Anziehungskraft des Sofas vor dem Fernseher. Bei Kilometer 5 erreichten wir die JVA Moabit. Beim Anblick der hohen Mauern und des Stacheldrahtes erinnere ich mich wieder wie wichtig es doch ist in Freiheit zu leben. Beim Laufen wird mir diese Freiheit immer wieder bewusst. Kurze Zeit später erreichen wir das Bundeskanzleramt. Ob wohl Angela Merkel gerade aus ihrem Büro auf die Läufermassen schaut? Später hörte ich aus dem Fernsehen dass der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit den ganzen Tag am Veranstaltungsort gewesen ist.

Von Kilometer zu Kilometer scheint es so als würden die Zuschauer immer mehr und immer lauter werden. Die Stimmung scheint zu explodieren. Es ist der totale Wahnsinn! Selbst meine Nicht-Marathon-Laufende Freundin sagt nach dem Lauf zum mir: „Da könnte man schon neidisch auf die Läufer werden.“ Bei Kilometer 10 treffe ich wie vereinbart meinen Cousin und meine Freundin. Ich bin schnell unterwegs und total unter Strom, bleibe kurz bei ihnen stehen und laufe dann weiter.

So langsam bekomme ich Hunger. Bei Kilometer 15 esse ich eine ganze Banane, da es immer heißer wird trinke ich immer mindestens 2 Becher Wasser. Oft sogar mehr. Nach der nächsten Ecke sehe ich von weiten schon den Fernsehturm. Wenig später verlasse ich Berlin-Mitte und erreiche den Stadtteil Friedrichshain. So langsam spüre ich die Hitze. Der Kopf fängt an leicht weh zu tun und ich schütte mir ab jetzt immer Wasser über den Kopf. Bei Kilometer 18 sind wir bereits in Kreuzberg. Ich überhole und überhole. Teilweise laufe ich auf dem Bürgersteig. Ich habe auch Läufer gesehen die zwischen den S-Bahn Schienen gelaufen sind. An den Verpflegungsstellen herrscht Krieg. Da muss man einfach versuchen sich irgendwie durchzumogeln um nicht ewig zu warten. „Aktives Anstehen“ nennt man das, glaub ich.

Berlin Marathon 2006

Die Siegessäule!

Berlin Marathon 2006

Die ersten Meter des langen Weges.

Berlin Marathon 2006

Verpflegungsstelle

Durch die Häuserschluchten dieser faszinierenden Stadt geht es weiter. Wir erreichen das Rathaus Schöneberg und gelangen bei Kilometer 27 auf den Platz am Wilden Eber. Dort stand 1885 das Gartenrestaurant „Zur Waldschänke“. Als sich dort einmal ein Keiler im eingezäunten Biergarten verirrte erlegte der Wirt das Tier mit seiner Flinte. Seitdem heißt dieses Restaurant „Zum Wilden Eber“. Später wurde dort ein Platz angelegt und ein Eber-Standbild aufgestellt. Verrückt ist heute nur die Stimmung. Verirren ist nicht möglich, man muss nur einfach immer dem Lärm der Zuschauer oder einer der 60 Bands nachlaufen.

Ich biege auf den Hohenzollerdamm ab, laufe an der Kreuzkirche und der Russisch-Orthodoxen Kirche vorbei und erreiche Kilometer 31. Ich treffe wieder einmal mit meinen Begleitern zusammen und ihnen sage ich dann in weiser Voraussicht: „Ab hier beginnt das schlimmste“. Die Hitze und der harte Asphalt zeigen Wirkung. Die Füße schmerzen, die Muskeln ziehen und der Kopf wird immer heißer. Aber auch die Stimmung ist mal wieder am Kochen. Ich begegne jetzt immer öfter Läufern die Gehen, sich bei der Massagestation verwöhnen lassen oder ganz aufgeben. Der Rettungsdienst hat alle Hände voll zu tun. Es werden immer die selben Fehler gemacht: Zu schnell loslaufen, zu ehrgeizig, zu wenig getrunken, zu wenig gegessen, zu wenig trainiert. Lässt man sich dagegen Zeit, vergisst auch einmal die Uhr, trinkt und isst ausgiebig wird die „unmenschliche Kraftanstrengung und kaum zu schaffendes Unterfangen“ Marathon sehr schnell in ein „mit Geduld, Fleiß und Spaß“ gut zu schaffende Herausforderung. Der älteste Teilnehmer war übrigens 85 Jahre alt, älteste Teilnehmerin 75 Jahre alt.

Die beeindruckende Gedächtniskirche wartet bei Kilometer 35 auf die Läufer. Diese wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Die Ruine des Turms blieb als Mahnmal gegen den Krieg erhalten. Krieg herrscht heute nur in den Köpfen mancher Läufer, wenn ich so in das ein oder andere Gesicht blicke. 26 Grad in einer Großstadt sind bei weitem nicht so angenehm wie in einem schattigen Wald. Aber wer Natur sucht, kommt bestimmt nicht zum Berlin Marathon. Das zeigt sich auch daran, dass die Natur im Tiergehege am Start-/Zielbereich von fast niemanden zum Warmlaufen genutzt wurde, sondern meist nur um wichtige Geschäfte zu erledigen.

Berlin Marathon 2006

Laufbegeisterte Zuschauer in Party-Stimmung

Berlin Marathon 2006

Samba!

Nun komme ich am Potsdamer Platz vorbei. Ich glaube es so gut wie geschafft zu haben, biege um eine Straßenecke und sehe von weitem das Brandenburger Tor – nein, es ist gar nicht das Brandenburger Tor, es ist der Berliner Dom. Ich merke es als ich näher komme, da sieht man einmal wie stark die Sonne einem zu schaffen machen kann. Aber jetzt sehe ich es wirklich. Ich bin auf der Straße „Unter den Linden“. Darauf habe ich mich am meisten gefreut. Ich genieße die letzten Meter, lasse mich vom Publikum feiern und hebe immer wieder die Arme zum Sieg. Wer heute hier durch das Ziel läuft ist wirklich ein Sieger! Leider kippen selbst unmittelbar vor dem Ziel noch Läufer um.

Geschafft! Die Königsdisziplin der Leichtathletik – ich bin ein König! Ich bin im Ziel! Ich bekomme die Medaille umgehängt und gehe gleich weiter. Am Verpflegungsstand greife ich mit beiden Händen in die Kisten mit den Keksen. Dementsprechend muss ich dann wohl auch ausgeschaut haben. Alles voller Schokolade. Aber mir egal, heute bin ich König!

Heute ist jeder ein König der bei dieser Hitze diese Strecke bezwungen hat. Jeder hat einzigartiges geleistet!

Anschließend treffe ich mich mit meinen Begleitern. Sie sind total fertig. Sind den ganzen Tag mit der U-Bahn hin- und hergefahren um mich möglichst oft zu sehen. Einmal haben sie mich verpasst weil sie in der U-Bahn zu spät ausgestiegen sind. Noch mal an dieser Stelle den beiden ein ganz herzliches Dankeschön! Ohne euch hätte ich dass nie so gut durchgestanden!

Berlin Marathon 2006

Gleich geschafft!

Berlin Marathon 2006

Müde Krieger auf dem Weg aus dem Start-/Zielbereich

Berlin Marathon 2006

Geschafft!

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